Allgemein Nachhaltigkeit

Revolution im Kleiderschrank – wo Nachhaltigkeit beginnt

Anleitung zum planvollen Ausmisten

Seit Beginn der Corona-Ära quellen die Annahmestellen für Altkleider über von Waren – nicht selten ungetragene Teile, die noch etikettiert sind und ungeliebt in einen Kreislauf zurück wandern, der vielleicht keiner ist. Denn Fast Fashion ist nicht dafür gemacht, in die Zweitverwertung zu gehen, dazu sind Qualität und Verarbeitung einfach nicht gut genug. In der Verbrennung nämlich schmilzt das so beliebt gewordene und aus Erdöl gewonnene Polyester zu einer klebrigen Masse, die bei Erkalten eine harte, schwarze Kruste bildet. Zum Vergleich: Wolle etwa zerfällt in der Brennprobe zu einer hellen, feinen Asche …   

Die Nachhaltigkeits-Fragen, die wir uns beim Kauf von Kleidung grundsätzlich stellen sollten, sind:

  • Würde ich dieses Teil auch aus zweiter Hand kaufen?
  • Und gefällt, steht und passt es mir so gut, dass ich es länger behalten werde?

Alles andere macht keinen Sinn, wenn man den Konsum zu Ende denkt. Natürlich widerspricht das dem Influencer-Kult, immer wieder neue (Streetwear-) Teile im immer wieder gleichen Style zu hypen. Aber Street Credibility gehört eher in einen anderen Blog … Revolutionen kommen ja bekanntlich von unten – in dem Fall aus den Tiefen Ihres Kleiderschranks.

Denn der Nachhaltigkeitsgedanke funktioniert nur, wenn Sie genügend Kleidung besitzen, die Sie in der Erfüllung Ihres Alltags in jeder Situation gut aussehen lässt. Nur dann wird jeder Neukauf zu einem freiwilligen, lustvollen Vergnügen. Dazu muss man auch etwas über sich selbst und (guten) Stil wissen. Wie organisiere ich also meinen Kleiderschrank, damit meine Garderobe mir dient – und nicht umgekehrt?

Was ziehe ich heute nur an?

Gefühlt geht es jeder Frau etliche Male im Monat und den meisten Männern zumindest gelegentlich so. Es sind drei Umstände, die uns den Umgang mit der eigenen Garderobe erschweren und im morgendlichen Ablauf Zeit und Nerven kosten.

  • Die wenigsten haben eine Garderobe mit Plan.
  • Die Schranksysteme mit unterschiedlichen Abteilungen für Jacken/Sakkos, Blusen/Hemden und Röcken/Hosen zwingen uns dazu, täglich neu kombinieren zu müssen.
  • Wir sind oft nicht sicher, welcher Dresscode für bestimmte Veranstaltungen gelten soll – geschweige denn, wie wir uns an dem Tag fühlen.

Zeit für die Planung „einmal richtig“ zu investieren lohnt sich also, wenn der Kleiderschrank dadurch zu einem verlässlichen Begleiter im Alltag wird, der unsere Selbstsicherheit stärkt. Denn nichts ist störender als die nagende Frage, ob man angemessen und gut (genug) gekleidet ist …

Eine Garderobeninventur setzt einen realistischen Blick für sich selbst voraus – und die Fähigkeit, den nostalgischen Blick abzulegen und Teile zu verabschieden, die schon lange Schrankleichen sind. Free your life! vom Ballast der Vergangenheit: Das gilt für die täglichen Begleiter noch viel mehr als für jeden Dachboden.    

Strategische Garderobenplanung

Machen Sie sich zuerst einmal einen Plan, was Sie im Kleiderschrank überhaupt brauchen, um Ihr Leben kleidertechnisch abdecken zu können. Eine junge Mutter mit Tochter im Sandkastenalter und Job im Home Office braucht eine ganz andere Garderobe als eine Managerin mit Reisetätigkeit und abendlichen Gala-Events. Entsprechend schreiben Sie auf, was Sie benötigen, um eine volle Woche inklusive Wochenendaktivitäten kleidertechnisch zu überstehen. Ich nenne es die Survival Wardrobe.

Sie ist das Mindeste, was Sie im Schrank haben sollten. Wenn Sie nicht hinter jeden Posten Ihrer persönlichen Überlebensgarderobe einen Haken machen können, kann Ihr Stilalltag nicht funktionieren! Oft sind die Einzelteile in Ordnung – aber es fehlen die Schlüsselteile, um sie mit anderen Kleidungsstücken zu kombinieren.

Was fehlt, muss zeitnah angeschafft werden – bitte bevor Sie sich das nächste trendige Luxusteil leisten.

Ein Termin mit sich selbst

Überprüfen Sie zweimal jährlich bei Tageslicht (!) Ihre gesamte Garderobe auf Aktualität, den Zustand der Ware und vor allen Dingen auf die Passform. Das gehört zur berühmten Achtsamkeit im Umgang mit sich selbst und dem eigenen Image.

Ein Stück, das nicht passt oder sitzt, hat in Ihrem Kleiderschrank nichts verloren. Und auch ein abgerissener Knopf oder Glanzstellen an Sitz- und Auflageflächen, können zur mittleren Katastrophe werden, wenn man sie erst im Hotelzimmer  vor einem wichtigen Anlass bemerkt – und kein Plan-B-Outfit dabei hat. Die Selbstsicherheit im Auftritt kann man an so einem Tag dann vergessen.

Deshalb als warmer Tipp für Präsentationen: Immer ein B-Outfit einplanen!

Außerdem sollten Sie auch gut erhaltene Stücke, die zu Ihrem Typ nicht passen, wieder in den Umlauf geben, zum Beispiel als Second Hand-Ware. Die bekommen dann ein neues Leben. Räumen Sie Textilien, die Sie in einer Saison nicht tragen, also z.B. Hochsommerkleidung in der Wintersaison, komplett weg. Das schafft Raum und Übersicht im Schrank.

Das Gleiche gilt für Sachen, die Sie eine Weile nicht getragen haben oder wo Ihnen die Kombinationsmöglichkeiten fehlen. „Aus den Augen – aus dem Sinn“, ist der Gedanke dahinter. Oft entdecken Sie die Teile ein halbes Jahr später wieder neu – wie einen Freund, den man länger nicht gesehen hat.

Es ist auch nicht richtig, dass ausrangiert werden muss, was Sie seit einem Jahr nicht getragen haben – das ist eher im Interesse anderer und wider die Nachhaltigkeit. Entscheidend ist, warum Sie es nicht getan haben.

Konsequent kombinieren

Beim Durchprobieren Ihrer Garderobe stellen Sie sich Ihre Kleidung zu modischen Outfits, bzw. Kombinationsgruppen zusammen. Links also eine oder zwei Jacken/Oberteile, dahinter die dazu passenden Blusen und Shirts sowie entsprechende Hosen oder Röcke. (Spätestens hier fällt Ihnen auf, welche Schlüsselteile noch fehlen.) So können Sie später auch morgens um sechs Uhr bei Kunstbeleuchtung fast blind hinein greifen und sind gut angezogen.

Falls Sie als Mann überhaupt noch Krawatte tragen (und damit zu einer stilistischen Avantgarde geworden sind), bewahren Sie diese am besten um den Kragen gelegt auf. So haben Sie auch bei morgendlicher Hektik griffbereit, was Sie in Ruhe und bei authentischer Beleuchtung zum restlichen Outfit passend ausgesucht haben. Spezielle Kombiteile wie die perfekte Handtasche zum Outfit oder das perfekte Einstecktuch können Sie als Notiz oder ausgedrucktes Foto mit an den Bügel klemmen, so rätseln Sie nicht, was Sie sich einmal zusammengestellt haben. Oder Sie machen gleich ein Foto von jedem vollständigen Look und werden Ihr eigener Influencer

Foto: Gustavo Fring, lizenzfrei von Pexels