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Die Sache mit dem “d” – wie spreche ich das dritte Geschlecht an?

Seit Anfang 2019 ist die korrekte Anrede nicht nur in der Ansprache von hochrangigen Persönlichkeiten und Adligen pikant. Vielmehr ist sie zum Fettnäpfchen in alltäglichen Prozessen von Bewerbung bis Rednerpult geworden und damit alles andere als eine abgehobene Benimmfrage.

Jemanden wertschätzend zu adressieren und damit auch zu erreichen ist der Beginn jeder Kommunikation –, sich dabei aber diskriminierungs-frei zu bewegen kann zum sprachlichen Balance-Akt werden. Unsere Sprachen wimmeln nämlich von weiblichen und männlichen Vokabeln! Wie geht es fair, freundlich und auch rechtssicher?

Über die inzwischen etablierte Angabe „m/w/d“ in Stellenanzeigen und die Verwendung des generischen Maskulinums hinaus begegnen uns im Alltag Situationen, die vor allen Dingen Feingefühl und Achtung verlangen, eine Zuneigung zu anderen Menschen, welche schulisch nicht erworben werden kann. Es ist eine Frage der Haltung.

Und während so manches Unternehmen noch mit der Balance von „m“ und „w“ der Gender-Bezeichnung befasst ist, gibt die Entwicklung des Zeitgeists neue Aufgaben auf: Das generische Maskulinum in der Linguistik beschreibt grammatikalisch männliche Substantive, welche sich aber auf eine Allgemeinheit, z.B. auf eine Berufsgruppe beziehen und damit geschlechtsneutral sind. So ist „der Wissenschafter“ weder männlich, noch weiblich oder divers, sondern lediglich eine Berufsbezeichnung. Dennoch können sich sensible Personen durch seine Verwendung verletzt fühlen, auch bei juristischer Neutralität.

Um dem Raum zu geben und den Bogen zu zeitgemäßen Umgangsformen zu schlagen, hat der Deutsche Knigge-Rat in seiner letzten Sitzung Dr. Marion Hulverscheidt eingeladen, eine Ärztin und Medizinhistorikerin an der Universität Kassel, die sich auf das Gespräch mit dem „d“ einlässt und darüber fachlich fundiert referiert.

Ist es überhaupt in Ordnung, eine Medizinerin als solche zu bezeichnen, die sich als Mensch definiert – und nicht als Träger (generisches Maskulinum) einer geschlechts-spezifischen Identität? Damit ist Marion Hulverscheidt dem Punkt, um den es geht, näher als die die meisten ihrer Zuhörer:

Brauchen wir überhaupt eine Geschlechtszuordnung für unser persönliches Selbstverständnis?

Die meisten Menschen identifizieren sich absolut mit ihrer Biologie als Frau oder Mann. (Unter Transvestiten wird auch der Begriff „Bio-Frau“ verwendet, wenn die weibliche Erscheinung nicht nur das Ergebnis von Styling ist.) Und auch Kinder reagieren auf Frauen und Männer unterschiedlich, wie ein Erzieher eindrücklich berichtet.

Während wir also die Frage nach dem Überhaupt nicht allgemeingültig beantworten können, weil die Antwort zutiefst individuell ist, gibt sie uns Anregung für den Umgang mit dem „d“.

Zunächst gilt es, Intersexualität von Transsexualität zu unterscheiden. Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Anerkennung eines dritten Geschlechts basiert ursprünglich auf der Klage einer intersexuellen Person. Unabhängig von (sichtbaren) primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen wie z. B. einem Bart gibt es viele biologische Kriterien der Geschlechtszuordnung, beispielsweise den Chromosomensatz oder die Hormonspiegel. Bei intersexuell Geborenen deuten diese Kriterien nicht nur in eine Richtung. Bei Transidentität liegt die Dissonanz zwischen dem Selbsterleben und der eigenen Biologie, transidente Menschen wünschen sich im jeweils anderen Geschlecht zu leben.

Von außen lassen sich die Unterschiede nicht erkennen (und das verlangt auch niemand). Von daher wird das Feingefühl im Dialog umso wichtiger, damit sich alle Beteiligten wohlfühlen.

Hier die Best-of´ im Dialog mit dem „d“:

Mündlich: Sprache ist lebendig

Dr. Marion Hulverscheidt plädiert für ein entspanntes Miteinander und ein unverkrampftes Nachfragen: „Wie darf ich Sie (oder Dich) ansprechen?“ Wer inter- oder transgender ist, wird sich darüber nicht wundern. Überhaupt hat jeder Mensch jenseits der nachweisbaren Genetik männliche und weibliche Anteile, die nicht ignoriert werden wollen. Und in der Kommunikation geht es ja in erster Linie darum, den anderen zu sehen. Also fragen.

Ein versierter „d“ (generisch verstanden) wird darauf antworten: „Ich möchte als Frau / Mann gelesen werden.“ Nicht nur gesehen, sondern gelesen – interpretiert und verstanden werden.

Schriftlich oder formell

Bei Festreden, Vorträgen & Co. wird die Begrüßung einmal mehr zum Tür- und Herzöffner. Während der meist männliche Redner der Vergangenheit fröhlich nur Seinesgleichen begrüßte, scheint es nun geboten auch in einer Begrüßungsformel niemanden auszuschließen. Um aber auch wirklich politisch korrekt zu sein, sollte man (generisch) Männer, Frauen (oder umgekehrt) und alle Anwesenden im Plural begrüßen, nicht mehr und nicht weniger.

In der Schriftform lassen sich die linguistisch männlichen und weiblichen Formen besser durch einen Doppelpunkt als durch einen Schrägstrich trennen, was sich flüssiger und eleganter liest:

„Patient:innen“ und „Freund:innen“ statt „Bewerber/Innen“ … Besonders sicher sind Sie zudem, wenn Sie möglichst neutrale Formulierungen verwenden, zum Beispiel Kaufleute (statt Kaufmann und Kauffrau) oder Teamleitung (statt Teamleiter und Teamleiterinnen).

In einer internationalen Welt können Vor- und Nachname nicht immer erkannt – und in fremden Sprachen schwerer mit einem Geschlecht verbunden werden. Was tun? Aber auch im Deutschen können Fragen entstehen: Wenn Ihnen „Chris Müller“ schreibt, die oder der Christine genauso wie Christian sein könnte, antworten Sie besser mit dem vollen Namen zurück: „Guten Tag Chris Müller“ oder „Hallo nach Hamburg“. So verletzen Sie niemanden.

Das kann Ihnen genauso mit Kim, Luca, Toni, Diyar oder Nuri so gehen …    

Extratipp: Als Absender mit einem undefinierbaren Namen ist es elegant, Hilfestellung zu geben, zum Beispiel unter einer Nachricht „adressed as male / female“, Frau oder Mann zu schreiben. Dann weiß der Empfänger, was er oder sie zu tun hat – wie bei einer guten Dresscode-Empfehlung auch. Übrigens darf man erst seit neuestem den Geschlechtseintrag in Geburts-Registern ganz weglassen (probieren Sie das mal mit einem Internet-Formular!).

Die unvermeidliche Toiletten-Frage

Ruhe- und Schutzräume nach Geschlecht zu trennen ist nicht notwendig. Als Gastgeber kann man davon ausgehen, dass die Gäste schon selbst wissen, ob sie eine abschließbare Kabine oder ein im Vorbeigehen einsehbares Urinal bevorzugen. Deshalb macht es Sinn, sie wissen zu lassen, was sich jeweils hinter der Tür verbirgt – ohne Röckchen und Schirmchen. Die Zeichensprache für gendergerechte Toiletten und/oder Stehvorrichtungen ist noch nicht ausgereift, es gibt aber so viel mehr als das kombinierte Logo mit Rock auf der einen – und Hose auf der anderen Seite. Denn Orientierung sorgt für Wohlbefinden – und das ist auch ganz im Sinn von Adolph Freiherr von Knigge: Er wollte einfach nur, dass sich Menschen im Umgang miteinander wohlfühlen.

Foto: IngImage