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Stilberatung online – geht Vertrauen digital?

Wir befinden uns im Jahre 2020. Die gesamte Wirtschaft ist von der Digitalisierung besetzt… die gesamte? Nein! Ein von unbeugsamen Experten bevölkerter Bereich hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten. Und das Leben ist nicht leicht für die digitalen Legionäre, die als Besatzung in den befestigten Lagern Vereinfachung, Skalierung, Umsatzsteigerung und Bequemlichkeit liegen …

Bisher waren Fachgebiete, deren Kernkompetenz die persönliche Beratung von Menschen ist, inhaltlich von der Umwandlung in digitale Formate verschont – von Telefoncoaching vertrauter Klienten und der Nutzung digitaler Mittel einmal abgesehen. Denn auch für die Lebensberatung ist es zutiefst sinnvoll, wenn man sich zuvor mindestens einmal live gesehen hat. Nun aber gerät auch diese Enklave in Gefahr … zu groß die Versuchung eine einmalige Beratung multiplizieren zu wollen. Aber um welchen Preis?

Auch heute – in den Tagen des allgegenwärtigen Corona-Virus – kann „digital um jeden Preis“ nicht die Lösung sein, wenn es auf Kosten der Qualität geht. An welchen Stellen ist es gut – und wo gefährlich, Beratungswissen über den Äther zu schicken? COVID 19 fordert uns sogar noch mehr als bisher dazu auf hinzuschauen, welche Kanäle für welche Botschaft die richtigen sind.

Denn von einem können wir sicher ausgehen: Beratung bringt uns immer dann weiter, wenn sie zutiefst individuell auf den Menschen eingeht und persönliche Möglichkeiten mit einbezieht. Geht das nicht, weil man sich nicht gegenüber sitzt und sich auch nicht kennengelernt hat, muss der Anbieter zwangsläufig auf Allgemeinwissen – oder im besten Fall auf eine Kategorien-basierte Matrix – zurückgreifen, die nicht mehr hergibt als ein Buch. Den einmaligen dreistelligen Preis mit 85% Rabatt im Wert von einem vierstelligen XXXX können Sie sich dann auch sparen, ein Buch jedenfalls ist günstiger.

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Verkaufsmethoden wie Verknappung, astronomische Darstellung von Preisen und Werten sowie Druckmache sind in unserer digitalen Welt omnipräsent. Aber gehören sie wirklich in die intimen Bereiche, die unter vier Augen besprochen werden sollten? Themen, die Vertrauen voraussetzen?     

Um halbwegs zu verstehen, was man sich selbst antut, wenn man die persönliche Beratung durch Oberflächenwissen ersetzt, hier ein paar Beispiele aus der Stilberatung, in denen digital nichts bringt. Dafür braucht man nicht einmal Asterix gelesen zu haben:

Stilberatung und Farbanalyse

Ihr Persönlicher Stil  beschreibt die charakteristische Eigenart, mit der Sie Ihre Kleidung tragen, sich bewegen, verhalten und auf andere Menschen zugehen. Damit ist Stil Kommunikation auf der ganzen Linie, unverwechselbar, eigen und besonders – eine Entdeckungsreise  zu sich selbst. „Wie wirke ich auf andere? Was macht mich attraktiv?“ sind Fragen, die sich viele stellen, nicht nur Sie. Im Stilcoaching erhalten Sie ehrliche Antworten und eine Beratung, die Ihren Typ wirkungsvoll profiliert und positioniert. Ihre Persönlichkeit wird sichtbar gemacht. Das geht aber nicht per Ferndiagnose, sondern setzt ein Gespräch von Mensch zu Mensch voraus.

Tipps, wie man zum Beispiel allgemein Stoffe kombiniert oder Proportionen ausbalanciert, gehören sicherlich auch dazu – aber die individuelle Anwendung ist das eigentliche Stilgeheimnis.

Auch Farben lassen sich nicht ohne weiteres am Bildschirm erkennen. Nicht umsonst werden zum Beispiel in der CI definierte Firmenfarben aus Pantone- oder HKS-Farbfächern angegeben, um den Ton zu treffen. Und ja, es gibt inzwischen Farbscanner für flächige Farben … aber eine Augenfarbe oder den Hautton einscannen? Das ist genauso unmöglich wie unseriös. Um das Colorit eines Menschen zu erkennen, braucht man außer der Person vor Augen vor allen Dingen die richtige Beleuchtung.

Wie sehr nämlich Licht Farben beeinflusst, illustriert diese Geschichte: Als Nachproduktion für eine Firmeneinkleidung (Corporate Fashion) haben wir Stoff nachweben und -färben lassen, beim selben Produzenten und im identischen Ton. Im Tageslicht hatten die neuen Teile auch die gleiche Nuance wie die erste Lieferung und wie der Lab-Dip, das Farbmuster aus dem Labor. Nur im Kunstlicht – wo die Kleidung auch zum Tragen kam – wurde sichtbar, das die erste Charge einen Rotstich, die Nachlieferung einen Grünstich hatte.

Maßkleidung

Manche besonders findigen Leute meinen, man könne sich im Maßatelier vermessen lassen und diese Maße anschließend in die Eingabemaske eines Internet-Anbieters eingeben. Was sie nicht wissen ist, dass Maße immer nur genauso gut sind wie der produzierende Betrieb damit etwas anfangen kann. Darum werden ja auch Skizzen mitgeliefert, welcher Strecke entlang das Maßband anzulegen ist – und das kann je nach Anbieter und Philosophie durchaus variieren.

Ganz abgesehen davon, dass es nicht fair ist, Service in Anspruch zu nehmen ohne die Leistung jemals ordern zu wollen, tun Sie sich also mit dem Transfer von Maßen keinen Gefallen – abgesehen davon, dass Sie das Maßatelier nie mehr betreten können …

Garderobeninventur

Für das Aufräumen nach dem Prinzip „Free your life“ oder andere Methoden reicht auch das besagte Buch. Dafür brauchen Sie kein teures Abonnement. In der Zusammenstellung einer Garderobe, die Ihrem persönlichen Lifestyle dient (und nicht umgekehrt), ist die Hand eines Stylisten aber unschätzbar: Diese oder dieser hat nämlich sowohl Ihre Persönlichkeit im Blick als auch die Kunst der Kombination und kreiert Outfits, die Ihnen selbst nie einfallen würden – einfach, weil Sie nicht genügend Abstand haben können. Es ist unglaublich – und macht Spaß zu sehen –, was man durch die coole Kombi aus einer bestehenden Garderobe herausholen kann, die auf einmal so modern wirkt wie Sie sich fühlen. An dieser Tatsache wird auch die Corona-Krise nichts ändern: Textil bleibt haptisch.     

Feedback zu Ausstrahlung und Wirkung

Auf digitalen Spuren folgen wir manchmal Menschen, die wir in der Realität nicht erkennen würden. Denn nicht selten zeichnet die Kamera der Selbstdarstellung ein Bild, das live nicht zu halten ist. Für eine ehrliche Rückmeldung brauchen wir Menschen auf Augenhöhe, die uns nicht unterstellt – und auch nicht emotional an uns gebunden sein sollten. Familie, Freunde und Mitarbeiter schließt das automatisch aus.

Es sind Körpersprache und Bewegung, das Leuchten in den Augen und die Tonlage der Stimme, welche die Wirkung (in der jeweiligen Kleidung) prägen. Technische Geräte wirken wie ein Filter, der diese verändert – positiv wie negativ.

Tischkultur

Soll es um die Besteckanordnung, den Umgang mit der Serviette oder das Handling des Brotkorbs gehen, reicht auch hier – Sie ahnen es – die einmalige Anleitung.

Wie steht es aber mit Ihrem Ton gegenüber dem Servicepersonal, Ihrer ganz persönlichen Körperhaltung bei Tisch oder Ihrer Weinkenntnis, um korrespondierende Weine zu den Gängen zu wählen? Feinheiten wie diese lassen sich nicht outsourcen, wenn es um die ureigene Kultur im Restaurant geht. Und auch Gastgeberqualitäten wie das In-den-Mantel-helfen und die fürsorgliche Begleitung eines Gastes sind besser geübt als theoretisch erlernt. Die persönliche Art ist der Zaubertrank, der dem ganzen theoretischen Wissen Kraft verleiht. Algorithmen dagegen, aus denen digitale Analysen entstehen, basieren auf Berechenbarkeit, messbaren Werten, Wiederholungen. Was aber kann unberechenbarer sein als der Mensch? Investieren Sie ruhig in sich – aber richtig! … oder haben Sie immer noch nicht geklickt?

Foto: IngImage