Allgemein Knigge Society

Wenn der Traummann oder die Traumfrau im Büro plötzlich vor mir steht

Arbeitstitel: Walzing George Clooney

Beliebt ist das Thema aktuell nicht, fällt es doch unter den Radar der politischen Korrektheit – und nicht erst seit der Me-Too Debatte. Dennoch genießt das Büro ein hohes Ranking als Heiratsmarkt, und kaum jemandem gelingt es, den Sinn für die Attraktivität anderer an der Jobschwelle abzulegen. Das älteste Spiel der Welt – es mixt auch in beruflichen Situationen munter mit. Was hilft, wenn die Frau oder der Mann meiner Träume plötzlich vor mir steht?

Es ist noch nicht lange her, dass eine einschlägige Partnervermittlung mit einem Plakat warb, das ein menschliches Ebenbild von Barbie überlebensgroß auf digitale Flächen bannte. Ob Brigitte Bardot oder Scarlett Johansson, Sophia Loren oder Megan Fox, Claudia Cardinale oder Eva Mendez: Die starke Sympathie ist nicht nur eine Sache der Haarfarbe von Blond, Dunkelbraun oder Karamell. Vorbilder formen Vorlieben.

Natürlich funktioniert die Symbolik nicht nur in eine Richtung, sondern auch umgekehrt oder divers: Dieses Jahr kürte zum Beispiel das US-amerikanische People-Magazin nach einer langen Liste von männlichen Schauspielern wie Brad Pitt (2000) oder Bradley Cooper (2011) den hünenhaften Wrestler Baron Corbin mit einer Körperhöhe von 2.03 m zum Sexiest Man Alive. Der Wandel der Sexsymbole und ihre unterschiedliche Ausstrahlung illustriert, dass die Sensation der Anziehung zutiefst individuell und damit auch nicht vorhersehbar ist.

Wie geht man nun damit um, wenn der Inbegriff der kühnsten Träume im Job-Leben vor einem steht? Denn die unfassbar attraktive Frau – oder der sexy Mann – ist womöglich ahnungslos, welche Trigger gerade gezogen oder gedrückt werden. (Der englische Begriff „to pull the trigger“ ist kaum diskussionslos ins Deutsche übersetzbar – es gibt ganze Foren dazu.)

Oft sind sie allerdings alles andere als ahnungslos, denn wer Anziehungskraft auf viele Menschen ausübt, weiß das in der Regel von sich. Und so können Sie auch von einer gewissen Absicht ausgehen, wenn die Situation eindeutig wird.

Es soll hier nicht darum gehen, ob Sie sich am Ende darauf einlassen oder nicht. Und dass Sie sich im beruflichen Umfeld auf dünnes Eis begeben ist ja auch nicht neu: Die Entscheidung bleibt Ihre. Doch nur durch die Kunst des Flirtens behalten Sie auch die Zügel in der Hand und bleiben Herr/in der Situation.

Das Ritual des harmlosen Flirtens, das so wenige heute noch verstehen, gibt Ihnen die nötige Zeit, sich zu überlegen, welcher Art der Kontakt sein kann. Gerade Menschen, die offen für eine neue Beziehung sind – das Flirten aber verlernt haben –, können durch die Kunst der subtilen Annäherung mehr Sicherheit und Gelassenheit gewinnen.

Blickkontakt

Um beim Tanzen und George Clooney zu bleiben: Im Tango – nicht beim Walzer – gibt es ein schützendes Ritual bei der Aufforderung, durch welches das Interesse geklärt wird und alle Anwesenden ihr Gesicht wahren können. Dort wird sich niemand, der das Aufforderungsritual schätzt, direkt vor eine Tänzerin hinstellen und sie zum Tanz auffordern. Damit stellt man ihr nämlich ein Ultimatum und riskiert eine schmerzhafte Absage.  Im Tango Argentino sucht der Auffordernde daher zunächst Blickkontakt, im Spanischen „Mirada“. Erst wenn die oder der andere lächelnd erwidert und durch ein leichtes Kopfnicken, den „Cabeceo“ einwilligt, hat man eine Verabredung zum Tanz getroffen. Mit wem man umgekehrt also (noch) nicht tanzen möchte schaut man auch nicht an, sondern weicht dem Blick aus. Das lässt sich auch im Büro wunderbar und unverfänglich umsetzen.

Lachen und Komplimente

Gemeinsames Lachen hat einen hohen Sympathie- und Flirtfaktor und entspannt gleichzeitig jede Situation, auch eine heikle. Sobald Sie Clooney-Cardinale oder Lady Gaga herzhaft zum Lachen gebracht haben, ist bereits Zeit gewonnen … oder vielleicht ein Freund fürs Leben. Und auch Komplimente sind erstmal unverfänglich, wenn sie nicht schlüpfrig sind.

Zuhören und Small Talk

Kurse zur Entwicklung von menschlichem Charisma vermitteln eindrücklich, wie wichtig gutes Zuhören ist, um als sympathisch wahrgenommen zu werden. Und ganz unabhängig von einem persönlichen Interesse können Sie durch Zuhören Sympathien gewinnen: Gerade Frauen bemerken allerdings, dass Männer besonders in der Anfangsphase eines Kennenlernens fast nahtlos über sich selbst sprechen und wenige Fragen stellen, was als ein Mangel an Interesse gewertet wird (der oberflächlichen physischen Annäherungen aber eigen ist). Zuhören bringt die Situation auf eine andere Ebene, die sich am Menschen orientiert – und aus der heraus man sich ohne Gesichtsverlust wieder zurückziehen kann.

Manche Unterhaltungen dagegen entwickeln einen Wechsel von Selbstbotschaften, die mit Zuhörerqualität nichts gemeinsam haben. Denn nur durch Rückfragen bleibt das Gespräch beim Anliegen des anderen. Das tut es aber nicht, wenn man jede Erzählung mit eigenen Beispielen kontert. Wenn Ihre oder Ihr Gesprächspartner also begeistert von einer Auslandsreise erzählt, gibt es zunächst keinen Anlass, ihm mit Ihren eigenen Erlebnissen ins Wort zu fallen.

Körpersprache und Berührungen

In einer globalen Welt begegnen uns andere Kulturen, die es mit Gestikulieren und Berühren nicht ganz so streng nehmen. Franzosen oder Italiener etwa fassen mehr an, dort gehört es zu einem lebendigen Gespräch einfach dazu und ist auch nicht übergriffig gemeint. Natürlich aber ist es ein Unterschied, ob man jemanden im Gespräch an Unterarm und Händen nur kurz berührt – oder länger an anderen Stellen.

Die persönlich-nahe Distanzzone beginnt bereits bei 1.20 m Entfernung, die intime bei 0,60 m. Wer kein Zentimeter-Maß anlegen möchte, bleibt bei Personen mit höchster Attraktivität möglichst außerhalb einer Armlänge, um das Gehirn im eigenen Bauch ruhig zu halten. Das ist auch die Reichweite, die ein Parfum, der Körperduft und die Körperwärme ausstrahlen … und welche zu einer Umarmung einladen kann. Sich das zu vergegenwärtigen ist ebenfalls nicht neu – aber wirksam.

Die Notbremse

Was, wenn die unfassbar attraktive Person unmissverständliche Signale sendet, auf die ich aber nicht eingehen möchte? Durch das bewusste Vermeiden dieser Flirtsignale lässt sich ein Annäherungsversuch auch „austrocknen“ – womit man sich allerdings selbst um die wohltuende Bestätigung bringt. Wer möchte nicht von sich sagen können, mit George Clooney oder Monica Bellucci geflirtet zu haben?

Nur sollte die eigene Position klar sein, und zwar für beide. „Ich schau Dir in die Augen Kleines“ wie im Film Casablanca ist dann keine gute Idee. Dafür ist es hilfreich, den eigenen Lebens- oder Ehepartner rechtzeitig in das Gespräch einfließen zu lassen, scheinbar nebensächlich, leichtfüßig wie ein Kompliment. Und erst wenn das nicht hilft, sollten Sie die Brisanz der Situation ansprechen – natürlich unter vier Augen und auf Basis der Spielregeln des wertschätzenden Feedbacks. Denn wer selbst keine Abfuhr einstecken möchte sollte sie auch anderen ersparen. Das kann der Beginn einer wunderbaren (Business-) Freundschaft sein …

Foto: IngImage