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Plötzlich auf dem Abstellgleis

Welche Art der Hilfestellung dann gut tut und wie sich Einsamkeit im Alter anfühlen muss. Ein Plädoyer für mehr echte Empathie.

Sie denken, das betrifft Sie nicht? Haben eine tolle Partnerschaft sowie loyale Freunde und die Gewissheit, dass beides immerwährend Bestand haben wird? Dann brauchen Sie wirklich nicht weiterzulesen. Sollte Ihnen aber ein leiser Zweifel an der Beständigkeit dieses seltenen Glücks kommen, versetzen Sie sich am besten in Ihre eigene Lage -zig Jahre später. Denn es könnte ja sein, dass Ihre Liebsten vor Ihnen das Zeitliche segnen: Es gibt immer mehr Menschen, die so alt werden, dass sie alle ihre Freunde überleben.

Wie fühlt es sich an, unfreiwillig im Jenseits des aktiven Lebens abgestellt zu werden? Außer Gefecht und (gefühlt) alt?

Eine Ahnung bekommt man etwa, wenn einen ein Unfall plötzlich aus dem selbstbestimmten Alltag reißt. Dann erlebt man, was Abhängigkeit bedeutet. In diesem Fall war es keine große –, sondern nur eine mittlere Katastrophe, die unsere Protagonistin – nennen wir sie Olivia – ereilte: eine komplizierte Sprunggelenks-Fraktur. Bei regelrechtem Verlauf, wie der Mediziner-Jargon es nennt, wird man etwa eine Woche nach der notwendigen Operation der Repositionierung zur Stabilisierung nach Hause entlassen, auf Krücken und mit 12 Wochen Rekonvaleszenz vor sich bis man wieder voll belasten darf.

In Deutschland bekommt ein gesetzlich Versicherter in so einem Ausnahmezustand Unterstützung im Haushalt angeboten, wenn einen dort niemand versorgt. Immerhin, wir leben im Zeitalter der boomenden Single-Haushalte!

Bei Privatversicherten, welches Selbständige oft sind, verhält sich das allerdings anders, da werden Alltäglichkeiten ohne diese Unterstützung zur Herausforderung. Wie bei Olivia: Wer beide Hände an den Krücken hat, kann unmöglich auch nur ein Glas Wasser von A nach B tragen – geschweige denn einkaufen, Auto fahren, Wäsche waschen, Bett frisch beziehen oder die Wohnung reinigen … you name it.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass die gefährdete Gruppe der über 60-jährigen im Corona-Alltag menschenvolle Orte meiden sollte. Was Einsamkeit mit einem macht, wird inzwischen zwar medial aufbereitet – selten aber wirklich nachempfunden, für viele ist das zu abstrakt.

Diese Empathie aber braucht es, um zu leisten, was echte Hilfestellung ist. Auch sie sollte vom Empfänger ausgehen – nicht vom Sender. Hier ein paar Tipps für empathische Unterstützung aus Olivia´s Erfahrung im Duz-Modus:

Nimm´ die- oder denjenigen selbst zum Einkaufen mit

… denn der mitgebrachte und an der Türschwelle abgegebene Einkauf schmeckt nur halb so gut! Später entdeckte sie, dass auch ihre Mutter wieder richtig Appetit entwickelte, sobald sie diese selbst mit zum Einkaufen nahm – statt ihr etwas zu besorgen und die Waren wie im Corona-Alltag vor die Tür zu stellen.

Das deckte sich auch mit ihrer Bruch-Erfahrung: Die Lust auf Essen vergeht, wenn man nicht weiß, wann wieder jemand für einen einkaufen kann.

Zudem sind der Warenkorb, der Lieblingsladen und die Markenauswahl eine sehr subjektive Sache – jedes Lebensmittelregal ein eigenes Universum an Wahlmöglichkeiten.  Wenn man Milch braucht und stattdessen Buttermilch bekommt klingt das nämlich lustiger als es ist, wenn der Kaffee am nächsten Morgen dann schwarz getrunken werden muss. Eigenständig ausgewählte Nahrung ist daher besser für Leib, Seele und in dem Fall die Genesung … und gegen die Buttermilch lässt sich dann auch etwas machen.

Nimm´ Dir echt Zeit

Natürlich kostet es mehr Zeit, einen betagten oder behinderten Menschen durch einen Laden zu schleusen. Auf Krücken musste sich Olivia eine ungewohnte Wurftechnik aneignen, um Lebensmittel vom Regal in den Einkaufswagen zu bugsieren – und war froh, wenn eine liebenswerte Nachbarin diesen schob. Außerdem muss man viel mehr Tage als sonst voraus planen, weil die kostbare Begleitung naturgemäß einem eigenen Terminkalender zu folgen hat – was dem Einkauf die Frische nimmt.

Das ist aber eigentlich nichts gegen das Vakuum an Gesprächen und Berührungen. Nicht nur zum Einkaufen ist Zeit daher vielleicht eines der größten Geschenke, die wir uns im Alter der Zukunft gegenseitig machen können. Wenn der Tee am Nachmittag zum Highlight des Tages wird, dürstet es einen nach Deiner Zeit zum Zuhören oder Zeit für Zärtlichkeit – einer lieben Umarmung zum Beispiel.

Es ist schlimm genug, dass Personal in Kliniken und Pflegeeinrichtungen so knapp besetzt ist, dass es für mehr als die physische Grundversorgung kaum reicht. Dann können wir wenigstens im Kontakt zuhause geben lernen, was wir uns im Alter selbst wünschen zu empfangen.  

Feiert gemeinsam Erfolge

Ob Genesung oder einfach ein besserer Tag: Fortschritte oder Sternstunden wollen gesehen und gewürdigt werden. Das verlangt nicht immer große Gesten, sondern vielmehr einen aufmerksamen Blick, ein Lächeln, ein Kompliment. Feiern lässt sich auch mit kleinen Gesten wie einer angezündeten Kerze bei guter Musik, einer Extrastunde gemeinsamer Zeit oder einem schicken Teil aus dem Kleiderschrank. #Wirmachenunsschön ist tatsächlich eines der einfachsten und wirksamsten Mittel, um sich festlich zu fühlen und das Leben als liebenswert mit i zu empfinden.

Ermutige zur Beauty- und Körperpflege

In England spricht man von Grooming, um jene Körperpflege zu beschreiben, welche über das Notwendige hinaus geht und auch die Kleidung mit einbezieht. Die Englische Vokabel integriert eine Sorgfalt, die wir mit „Zurechtmachen“ und einem gepflegten Gesamtbild in Verbindung bringen. Der Deutsche Sprachgebrauch hat leider nur die – meist auf die Basics reduzierte und zum erwähnten Geschäftszweig mutierte – Pflege parat.  

Olivia jedenfalls hat neulich ihrem hochbetagten und gehbehinderten Vater die Haare geschnitten und den weißen Vollbart getrimmt. (Alternativ könnte sie eine:n fahrenden Hairdresser gerufen haben.) Und siehe da: Ihr Daddy sah zehn Jahre jünger aus, war happy über die Zuwendung – und bekam viele beglückende Komplimente.

Wir dürfen ruhig heute schon damit beginnen, andere so zu behandeln wie wir selbst behandelt werden wollen – jetzt oder später. Denn irgendwann kommt alles zu uns zurück.

Artikelfoto: kampus-production, lizenzfrei von Pexels