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Interkulturelle Kompetenz

Wie geht männliche Galanterie in Zeiten weiblicher Vorstands-Power? Ein Zwiegespräch zwischen Katharina Starlay und Fabrizio Galli Zugaro – Teil 3

Im vorigen Part ging es um Dating und Gastgeberqualitäten – heute wenden wir uns dem internationalen Benehmen zu: „Am deutschen Wesen mag die Welt genesen“ (Zitat von Emanuel Geibels, 1861). Oder am italienischen? Oder am englischen, französischen, spanischen, indischen, algerischen und und und. Ist unser moderner 4.0 approach weltweit angebracht? Im letzten Teil unserer Trilogie sprechen wir über internationale Etikette und den berühmten Blick über den eigenen Tellerrand.

Internationaler Umgang

Fabrizio:

Charme und Komplimente. Feingefühl, Vorsicht, Sensibilität, Eleganz, Akzeptanz. Charme ist etwas Schönes, wenn es akzeptiert wird. Es kann aber auch unangebracht sein. Also Vorsicht, ohne über das Ziel hinauszuschießen. Die Kunst beim Charme ist, authentisch zu sein und dabei gemocht zu werden. Auch international. Hier wird es jedoch meist heikel.

Auf der Welt gibt es knapp 200 Nationen. Und das ist die kleinste Zahl, wenn wir beginnen wollen, über Kulturen zu sprechen. Jedes Land hat dazu noch Regionen, Territorien, die in sich bereits extrem viele kulturelle Eigenschaften haben. Es geht soweit, dass in Kleinstädten derjenige, der auf der einen Seite der Brücke lebt und etwas zum Essen bestellt, von Bewohnern der andere Seite gleich erkannt wird als „der andere von jenseits des Flusses“, weil er zum Beispiel Schimmelkäse isst, was auf der anderen Seite der Brücke nicht üblich ist. Also tausende und tausende von verschiedenen Kulturen, Bräuchen, Werten.

Ein kleines Beispiel: Weltweit gilt nicht unbedingt, dass Schnitzel und Pommes Frites das beste Essen überhaupt sind oder man sich am Buffet mit Flip Flops und kurzen Hosen anstellen kann. Das ist nicht besonders geschmackvoll. Niemand verlangt, dass alle Menschen jeden Brauch der Erde kennen. Aber ein Zeichen des Respekts und der Achtung sollte es sein, sich zu erkundigen, welche Usance in der jeweiligen Kultur angebracht ist. Das gilt natürlich auch für Komplimente und nette Gesten.

Andere Länder – andere Sitten

Fabrizio:

Mir fällt da eine Geschichte aus dem internationalen Kontext ein. Vor einigen Jahren war ich auf einem Empfang in einer deutschen Großstadt. Ich stand in der Schlange vor der Garderobe. Vor mir waren der italienische und der türkische Generalkonsul mit den Ehefrauen, die ich alle kannte. Plötzlich half der italienische Console der Frau des türkischen Konsuls aus dem Mantel.

Den Blick des türkischen Konsuls, seiner Frau und der Frau des italienischen Konsuls hättet Ihr sehen müssen! Die Geste meines Landmannes war scheinbar unpassend: Aus seiner eigenen Sicht war der italienische Konsul höflich und korrekt, die anderen drei (seine Frau und das türkische Ehepaar) wussten jedoch, dass das nicht in Ordnung war, aus türkischer Sicht. Ich habe heute noch in den Ohren, was die italienische Ehefrau Ihrem Mann mit bestimmter Stimme sagte, ich verwende jetzt einen Ersatznamen: „Franco, cappotto!“ („Franco, der Mantel!“), begleitet von einem Laser-Blick an den lieben und doch eigentlich so galanten Ehemann.  

Das Klischee von der Frau, die die Hosen an hat …

Katharina:

Das Starke-Frauen-Phänomen … Es ist doch so, wenn ich das als Frau so sagen darf: Wenn wir uns mit unserer weichen und unserer starken Seite angenommen fühlen und nicht mehr beweisen müssen, können wir uns nämlich entspannen und unser bestes Selbst sein. Dann kann auch der Mann (endlich) seine beiden Seiten leben und sich ebenfalls entspannen. Nicht wenige Männer aber möchten nur die softe Seite sehen und klammern die starke aus … damit bekommen sie nur die halbe Frau.

Fabrizio:

Ein Traum. Das scheint mir die ideale Welt, an die ich glauben möchte … fast so utopisch als würden mehrere Fußballnationen miteinander – statt gegeneinander fiebern.

Das schönste ist doch, wenn zwei Menschen in Ihrer Beziehung sie selbst sein können, und es funktioniert. Eine Ambition, die selten zur Erfüllung kommt, aber doch manchmal vorkommt.

Empfang, Seated Dinner und Ländersitten  

Katharina:

Es fängt schon mal bei Tischdame und -herr an, dabei ist es nicht unwichtig:

So manche:r höfliche Gastgeber:in macht sich durchaus Gedanken, welche Menschen sie oder er miteinander ins Gespräch bringen möchte. Als Eselsbrücke sollte man sich vergegenwärtigen in welche Richtung die eigene Jacke geknöpft wird, wie ein Symbol der Zuwendung: Männersakkos knöpfen von links nach rechts. Rechts sitzt demnach ihre Tischdame. Frauenjacken knöpfen von rechts nach links, zum Herzen hin: Links sitzt also der Tischherr.

Fabrizio:

An der Rechten sitzt die wichtige Person, aus der Sicht eines galanten Mannes … Rechts ist bei den meisten auch der starke Arm. Ich weiß, dass einige Damen das nicht hören wollen, aber so empfinden Männer auch weiterhin. Dadurch geht die Augenhöhe keineswegs verloren.

Zur interkulturellen Tischordnung: Wenn es Situationen gibt, in der an einem Tisch Menschen verschiedener Kulturen sitzen, sollte man zwei Dinge tun: Sich informieren über die Usancen der verschiedenen Gäste, beziehungsweise sie auch direkt fragen, sofern ein bisschen Vertrautheit besteht, was gut ist und welche faux pas man sich ersparen sollte. Das Gespräch über Kultur und Gewohnheiten kann sehr verbindend sein. Die Tischordnung hat besonders in formellen Anlässen eine Bedeutung, die häufig unterschätzt wird.

Essensreste auf dem Teller

Fabrizio:

In einigen Kulturen ist es unhöflich, Essen auf dem Teller zu lassen, weil damit ausgedrückt wird, es habe nicht geschmeckt. Der Gastgeber und die Gastgeberin und ihre Gastfreundschaft werden somit stark beleidigt. Andersherum gibt es Kulturen, wo es „fein“ ist, etwas auf dem Teller zu lassen, weil das signalisiert, dass reichlich zu Essen geboten wurde und man nicht gekommen ist, um sich den Bauch vollzuschlagen. Hier möchte ich aber noch einfügen, dass gewisse Sitten nach einer Matrix gesehen werden können, länderübergreifend. Ich meine damit, dass je nach gesellschaftlicher Herkunft die Sitten im selben Land variieren können. Der Adelige verhält sich anders als der nicht Adelige, da die Sitten und Prägungen verschieden sind. Das eine ist nicht besser als das andere, nur anders! Auch wenn es schwerfällt, sollten wir uns von den Bewertungen verabschieden.

Businesslunch

Katharina:

In Deutschland kommt man zum Beispiel gerne schnell auf den Punkt, nach der Maxime „erst die Arbeit, dann das Vergnügen!“.  In vielen anderen Ländern dagegen geht es mehr um den gemeinsamen Austausch, den gemeinsamen Genuss und den Kult, „das Brot miteinander zu brechen“. Erst wenn diese Ebene hergestellt ist, kommt man zum Geschäftlichen, das sich dann auf einem besseren menschlichen Niveau besprechen lässt. 

Fabrizio:

In Italien wird man das Geschäftliche eher nach dem ersten oder zweiten Gang, wenn nicht sogar ganz nach dem Essen besprechen. Informiert Euch also über die Sitten des Landes, die Region und Menschen. Die Chinesen essen alle Reis? Eben nicht!

Nur auf dieser Basis des echten Interesses kann Verbindlichkeit entstehen, auch international.

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Gesprächspartner Fabrizio Baron Galli Zugaro ist Bankmanager, Coach, Mentor und Trainer für interkulturellen Umgang und Business Etikette.

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