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Maßkleidung goes Lifestyle – Teil 1/3

Wie ein altes Handwerk zum neuen Wertbekenntnis wird

Schon längst hat die Maßkleidung das Image des Überflüssigen als Code einer entfernten Elite abgelegt. Heute ist es wieder cool, gut gekleidet zu sein. In einer Zeit, in der wir uns über die Planetenressourcen im Allgemeinen und unseren persönlichen (Kleider-) Konsum im Besonderen dringend Gedanken machen müssen, avanciert der Dress, der uns sitzt, passt und gefällt, zum Kulturgut einer neuen Haltung, weil wir ihn länger behalten. Slow Style statt Fast Fashion.

Und während die Motivation damit gerechtfertigt wäre, bleibt die Frage, wie ich das als Konsument:in gewinnbringend und wirksam für mich einsetzen kann?

Maßkleidung auch für Damen

Eines vorneweg: Maßkleidung wird bis dato fast ausschließlich mit Herrenanzügen in Verbindung gebracht. Zu bescheiden bis jetzt die Marktanteile der Damenkleidung auf Maß. Und doch … was gibt es Schöneres als eine Frau in einem gut sitzenden (Etui-) Kleid oder Kostüm, das nicht nur durch die Passform besticht, sondern auch durch eine raffinierte Komposition aus Stoff, Schnitt und Farbe, welche ihren Typ einprägsam unterstreicht? An solche Charaktere erinnert man sich –, nicht zuletzt in der Neubesetzung von verantwortlichen Positionen. Hier:

Der Mensch als Marke. Die Frau als Vorbild.

Und nichts anderes in der Mode bietet diese Möglichkeiten, das Design individuell, eigen und besonders zu gestalten, als Designer:in der eigenen Garderobe.

Casual mit Klasse

Es ist noch gar nicht so lange her, dass ein Artikel* titelte: „Wer Anzüge trägt, hat sein Leben nicht mehr im Griff“ … und doch zu dem Schluss kommt, dass Bizeps-Shirt, Hoodie, schmale Hosen und weiße Turnschuhe zur neuen Uniform avanciert sind und auch ihre Träger:innen nicht daran vorbei kommen, dass es die Persönlichkeit ist, die einen Stil formt. Am Ende, so resümiert der Text, federe (in diesem Fall) der Mann in geschlechtsloser Mode auf Gummisohlen daher, gebe sich empathisch im Feinstrickpullover … und stelle sich vielleicht ein paar Fragen.

Unser Blick hat sich geändert – und mit ihm unsere Art, Kleidung zu tragen und zu kommunizieren, wofür wir stehen. Das Bild, das wir in den Köpfen der anderen entwerfen, ist wichtig – eröffnet es doch den Dialog zwischen Menschen verschiedener Kulturen, Arten, Altersklassen. Nun rückt zudem eine neue Generation nach, die neue Maßstäbe anlegt:

  • Bodykult und Basis-Fitness – der Körper selbst wird zum Statussymbol, nicht das Auto.
  • Werte wollen nicht nur propagiert, sondern auch gelebt werden.
  • Nachhaltigkeit steht über allen Handlungen.

Wie nun geht der Casual-Chic , wenn wir auf die textile Wertschätzung nicht verzichten wollen? Wie ein Style, der auf Krawatte verzichtet und doch angezogen ist? Was macht eine Frau zur Lady, wenn die dunkelblaue Uniform passé geworden ist? Und was ist der Dreh mit der Nachhaltigkeit? Mehr dazu erfahren Sie in Teil 2.

Die Bedeutung des Anzugs und die leidige Krawatte

Um die Wirkung eines Anzugs – also Ober- und Unterteil aus einem Stoff – nachzuvollziehen, dürfen wir einen Schritt zurück treten und in die Vergangenheit schauen. Denn in manchen Zeiten war die Stoffarmut so groß, dass die Kombination auch für den Mann unausweichlich war. Immer dann aber, wenn es der Wirtschaft wieder besser ging, konnten sich Herren von oben bis unten in ein-und-dieselben Tuche hüllen – oder Damen in weite Röcke und üppige Roben.* Bis heute stehen großzügig eingesetzte Gewebe für gute(s) Wirtschaft(en). Das macht den klassischen Anzug zu einem international anerkannten Signal der gepflegten Kleidung, das Achtung erzeugt.

In den Wirren der allgemeinen Casualisierung des textilen Zeitgeistes sind viele Männer heute allerdings im dunklen Anzug mit weißem Hemd unterwegs – und bieten nichts mehr, was den Blick des Betrachters verweilen lässt. Digital dann sichten wir nicht selten … siehe oben. Der Wegfall der Krawatte bedeutet für die Herrenwelt, dass sie sich umso mehr über die passende Kombination von Farben, Mustern und Strukturen nahe am Gesicht Gedanken machen sollte. Ohne sie braucht Mann umso mehr Style und Fingerspitzengefühl, um interessant zu wirken. Was oft übersehen wird: Krawatte vermittelt Kultur. Stoff, Dessin und die Art, wie sie gebunden wird, erzählt eine Geschichte, die auch im engen Bildausschnitt einer Kamera verstanden wird – ist also eine Chance zur Positionierung.

Bespoke – echt Maß

Ein Kenner, der ihn trägt – ein Meister, der ihn fertigt.

Nichts beschreibt die Exklusivität und die einmalige Auflage so gut wie der Englische Begriff „bespoke“ des Schneiderhandwerks aus dem 17. Jahrhundert, der in nur einem Wort sagt, was früher zwischen Maßanbieter und Kunde Ehrensache war: Stoff, Schnittdetails und Preis sind besprochen, und es wird keine Abweichungen, Ungenauigkeiten oder nachträglichen Verhandlungen geben – beidseitig. Es gilt das Besprochene, heute auch für Damen.

Bei einem echten Maßanzug wird vollständig Maß genommen, im Schnitt über 30 relevante Maßangaben, die jeweils mit entsprechender Bewegungszugabe vom dreidimensionalen Körper auf einen zweidimensionalen Schnitt übertragen werden. Die Kunst der Zunft ist damit weit mehr als das Handwerk eines oder einer Schneider:in – auch wenn manche Journalisten in diesem Kontext gerne von Schneidern sprechen.

Überhaupt gibt es den Begriff der Maßkleidung erst seit der Industrialisierung, um sich von Angeboten aus Serienfertigung abzuheben. Davor war quasi alles Maß.

Der oder die Spezialist:in Ihres Vertrauen nimmt sich Zeit und verwickelt Sie in ein Gespräch, um zu sehen, wie Sie sich bewegen – und zu erfahren, was Sie bewegt. Denn beides ist Teil Ihres Ausdrucks: Sind Sie ein Mensch mit ausladenden Bewegungen oder eher raumsparend? Wie stehen Sie vor einem Spiegel … und brauchen Sie etwas mehr innere Ruhe, um normal zu stehen und die Brust nicht so rauszustrecken? Und wofür stehen Sie?

Bei allen Vorteilen der Digitalisierung – dieses Einfühlungsvermögen kann man keinem Bodyscanner beibringen. Denn der Scan bei abgewinkelten Armen (wie bei einer Personenkontrolle am Flughafen) wird der natürlichen Haltung eines Menschen im entspannten Dialog kaum gerecht. Das Ergebnis ist über jeden Zweifel erhaben, geschmacklich, stilistisch und von der Passform her so überzeugend, dass man die Kleidung kaum spürt und sich in der vollen Bedeutung des eigenen Selbst wissen kann – jedes Teil ein Freund im Alltag.

Das ist das eigentliche Geheimnis.

„Casual Bespoke“ by Sandro Dühnforth

Super 100, die Haltbarkeit von Stoffen und der eigene Beitrag

Bei allen Angeboten müssen wir uns von der Vorstellung verabschieden, dass ein Kleidungsstück im höheren Preissegment resistent gegen Verschleiß sei, im Gegenteil: Gerade jene Gewebe aus ultrafeinen Garnen mit einer hohen Super-Zahl sind es, die an Auflage- und Sitzflächen schnell glänzend werden.

Reine Wollfasern, die wir im Segment der Maßkleidung überwiegend finden, sind anfällig für Abrieb … was eine zweite Hose beim geliebten Zwei- oder Dreiteiler zu einer naheliegenden Idee macht: Sie verlängert die Lebensdauer Ihres Outfits deutlich.

Etwas anders verhält es sich mit den so genannten Woll-Mischgeweben, denen ein Anteil des scheuer-resistenten Polyesters beigemischt wurde, und die in der Corporate Fashion oder Firmenkleidung relevant sind. Nur haben diese Gewebe nicht den gleichen Griff und Charme. Für die Strapazierfähigkeit von Messekleidung und Uniformen dagegen sind sie genau richtig. Inzwischen sind viele – auch traditionelle – italienische und internationale Weber sehr kreativ geworden und erdenken neue Konstruktionen und Kompositionen mit mehr Elastizität und Charisma. Mal mit, mal ohne Synthetik-Anteil, denn auch die Welt der Chemiefasern erfährt eine Evolution … Im Sinn des Nachhaltigkeitsgedankens ist es absolut legitim, textile Flächen mit solchem Anteil zu wählen, wenn wir das Kleidungsstück dadurch entsprechend länger in Gebrauch haben.

Was können wir selbst zur Langlebigkeit unseres Lieblings-Looks beitragen? Aufgestützte Ellenbogen, das beim Autofahren unters Lenkrad geklemmte Knie, Hinsetzen auf einen rauhen Stein oder eine enge Passform, durch welche der Stoff ständig unter Spannung steht … all das ist nichts für teure Tuche. Ein edler Stoff will wirken. Das kann er nur, wenn er nicht ständig mit der Haut und Körperwärme ist Kontakt ist … So viel zu den engen Hosen, die über einem muskulösen Gesäß oder sportlichen Waden schnell unter Zugzwang geraten. Und es ist auch nicht elegant, wenn man (oder Frau) das Hosenbein beim Aufstehen erst einmal herunter ziehen oder mit dem Fuß aufstampfen muss, weil es „staucht“.

Und was bedeutet nun Super 100 / 120 / 180? Die Zahl beschreibt, wie viele Laufmeter des Garns ein Gramm wiegen. Somit ist ein Super 180-er Garn feiner und dünner als ein Super 100-Garn. Und entsprechend schneller wird es auch durchgesessen sein.  

* Modeschöpfer Christian Dior war es, der nach dem Krieg mit seinem legendären „New Look“ eine textile Revolution anzettelte: Schmale Taille – und Röcke, in welche nicht selten bis zu sieben Laufmeter Stoff verarbeitet waren, großzügig und irgendwie „reich“. Das Defilee seiner ersten Kollektion am 12. Februar 1947 gilt bis heute als eine der ultimativen Sternstunden in der Modewelt.

Titelfoto und Foto im Text: Sandro Dühnforth, Herrenschneider Hamburg

*faz.net-Artikel vom 11. August 2021, Autorin Stefanie von Wietersheim

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