Nachhaltigkeit

Beratend und gekauft

Dresscodes erkennen und umsetzen

Online-Stylisten im Aufwind

Wer wünscht sich nicht einen eigenen Stylisten? Einen, wie die Promis ihn haben? Einen, der das ultimative Outfit aus dem Ärmel schüttelt und nichts mehr zum Ziel hat als Sie – nur Sie – umwerfend aussehen zu lassen? Einen, der seine Gabe selbstlos allein Ihrem Erfolg widmet?

(Dass der Begriff „Stylist“ in diesem Fall als geschlechtsneutrale Berufsbezeichnung zu verstehen ist und männliche wie mehrheitlich weibliche Stylisten meint, dürfen Sie voraussetzen.)

Diesen seeligen Wunsch nach persönlicher Stylingberatung haben nach neuesten Marktentwicklungen unzählige Modemuffel – ein neu entdecktes Kundenpotenzial, das selbst keine Lust, keine Zeit, keine Begabung und keine Geduld für die Auswahl der eigenen Garderobe aufbringt. Und so boomen sie, die Nischen der Personal Shopper, Online-Stylisten und Mode-Blogger. Wie aber trennt der einkaufsscheue Mann – oder die businesstüchtige Frau mit Zeitproblem – die Spreu vom Weizen der Beratungskompetenz in Modefragen?

Eines sollten sich beide von Anfang an bewusst machen: Styling ist eine Sache – Stil eine andere.

Styling beschreibt die Zusammenstellung von Kleidungsteilen und Accessoires zu einem Bild, dem sogenannten Look – Stil die Grundhaltung und das Selbstverständnis, das der Auswahl dieser Teile zugrunde liegt.

So beschreibt Wikipedia Deutschland den Begriff des Styling, der sich aus dem Englischen ableitet, als die „rein ästhetische Überarbeitung eines Produkts“. Weiter heißt es: „Allgemeiner wird der Begriff Styling für Maßnahmen der Verschönerung genutzt, unter anderem im Bereich der Mode.“ Der wesentliche Zweck sei es, besagt die freie Enzyklopädie, „dem Produkt einen höheren Verkaufswert zu geben“.

Der Mensch also als Produkt mit einem imaginären Preisschild daran –, und da könnte der Haken liegen, denn die sachlich korrekte Terminologie wird zum Omen. Längst ist Styling zum Begriff für eine rein modisch orientierte Verschönerung mit geringer Halbwertzeit geworden. Denn Moden als „Ausdruck des kontinuierlichen Wandels“ (Wikipedia) orientieren sich an der Masse und nicht am Individuum und haben kein Interesse daran, dass wir Menschen mit unserem Aussehen zufrieden sind. Mode in der Bekleidung lebt schließlich davon, dass wir unzufrieden bleiben, ewig hungrig nach eben jenem ultimativen Look …

Der Stylingberater wird also Moden auf seine Kunden applizieren – während sich der Stilberater mit deren Persönlichkeiten auseinander setzt, um ihnen individuellen Ausdruck zu verleihen, den Touch des Unverwechselbaren. Und der ist mit den neuesten Trends selten gut bedient.

Und damit wären wir beim vielleicht einzigen Qualitätskriterium, dass wirklich jeder Kunde – sei er Modemuffel oder nicht – selbst einschätzen kann: Die Qualität der Fragen. Fragt mein Stylist, was ich ohnehin schon im Schrank habe, um mir die gleichen Looks und Labels nur mit Ware aus der neuen Saison für neues Geld anzubieten? Dann bedient er die Gewohnheit … und somit die Vergangenheit, auch stilistisch. Für Nachkäufe eines Kunden, der „seinen“ Stil gefunden und damit einen hohen Verkaufs- bzw. Marktwert an beruflicher und gesellschaftlicher Attraktivität bereits erreicht hat, mag das genau das Richtige sein – nicht aber für einen männlichen oder weiblichen Kunden, der sich selbst neu erfinden und in die stilistische Zukunft blicken will. Denn der sucht Ideen, die er selbst noch nicht hatte!

Auch in Stilfragen ist die Qualität der Beratung also eng mit dem Werdegang des Beraters verbunden. Hat er oder sie einige Jahre im Modehaus XY im Verkauf gearbeitet? Dann bringt er ganz sicher Menschenkenntnis mit –, Stil-Knowhow aber nur dann, wenn das Modehaus ihn dazu auch ausgebildet hat. Schon der Fachverkäufer eines Modelabels im Shop-in-Shop-System dürfte mit der Neutralität der Beratung naturgemäß seine liebe Mühe haben. Er hat in der Regel nur den Stil der eigenen Marke drauf.  …und auch ein „Ich habe mich schon immer für Mode interessiert“ reicht schlichtweg nicht als Beratungsqualifikation, da gerade ein hohes Modeinteresse dazu führt, dass ungefiltert Trends nachgebildet werden ohne dabei die persönliche Ausstrahlung, das individuelle Kolorit, die Linien von Gesicht und Körper oder auch den Lebensstil eines Kunden zu berücksichtigen. Ein guter Stilberater hat neben dem stilistischen auch ein psychologisches Gespür und wird der Persönlichkeit textilen Ausdruck verleihen.

Wer den persönlichen Stylisten nicht sucht und dennoch unter allgemeiner Fashion-Unlust oder stilistischer Unsicherheit leidet, ruft nicht selten nach Gurus und Vorbildern zur Nachahmung, zunehmend virtuell. Daher sind Mode-Bloggerinnen und –Blogger aus dem Netz nicht mehr wegzudenken:  „Nahbarer als Models“ titelt entsprechend auch der Spiegel in Ausgabe 3/2013 in einem Artikel von Ann-Kathrin Nezik über Konsum (Link siehe unten) und beschreibt, wie die Einträge von der Modeindustrie gekauft werden …manchmal mit direktem Link zum nächsten Online-Shop.

…nicht, dass es nicht okay wäre, Geld im Netz zu verdienen. Wer aber als Markenbotschafter unterwegs ist, sollte es den Kunden auch wissen lassen.

Die Grenzen sind fließend. Verwirrend. Gleichzeitig aber auch im www. unendlich klar:

In der Online-Beratung geht es wie überall sonst um Umsatz – wie damals im Kaufhaus.

Und wer sich diesbezüglich nichts vormacht, seine Erwartungen an das Machbare relativiert und die Beratungskompetenz kritisch hinterfragt, wird sich kaum im Feeling des Buchtitels wiederfinden, den Thomas Leif 2006 im C. Bertelsmann Verlag über den Bluff der Unternehmensberater veröffentlichte: „Beraten & verkauft“.

Bild: IngImage